„Der Diskurs ist kaputt“,
„Die Sozialen Medien sind Schuld“,
„Die gesellschaftlichen Gräben werden immer tiefer“,
„Den Leuten fehlt der Respekt vor der anderen Meinung“,

Früher war alles besser.

Früher war Nato-Doppelbeschluss, Wackersdorf, Startbahn West, Deutscher Herbst und Asylkompromiss. Also Kompromiss im Sinne von Rostock-Lichtenhagen, Solingen, Mölln, Hoyerswerda, Lübeck.

Allesamt Wunderwerke der friedlichen Auseinandersetzung. Höflich, freundlich, respektvoll. Die Deutschen, ein Volk von 82 Millionen Friedensnobelpreisträgern.
Wann genau der Diskurs „früher“ besser gewesen sein soll? Und an was genau nun die „Sozialen Medien“ Schuld sollen? Das wüsste ich gern. Und auch, ob einer derjenigen, die jetzt über „Meinungsfreiheit“ und „Diskurskultur“ streiten in den vergangenen 60 Jahren mal eine Bild-Zeitung in der Hand gehabt hat. Wo Witwen geschüttelt und Menschen in den Suizid geschrieben werden. Immer noch.

Sind Menschen wie Sahra Wagenknecht, Boris Palmer, Wolfgang Thierse, Thomas Gottschalk, Jan Josef Liefers und die vielen anderen Prominenten einfach nur kaltblütig berechnend, weil sie wissentlich Lügen verbreiten oder sind sie unterbelichtet und verstehen die Umstände nicht?

Andererseits: Wenn man ein Buch bewerben, die Wiederwahl sichern oder die eigene Irrelevanz überwinden und in dutzende Talkshows eingeladen werden möchte, helfen Thesen, die sich vom Parteiprogramm der AfD nicht unterscheiden, verlässlich.

Als Boris Palmer angesichts einer Deutsche Bahn-Werbung fragte, welche Gesellschaft dieses Plakat voller Nicht-Arier eigentlich abbilden solle, bedankte sich die AfD brav mit Solidarität und Rückendeckung beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN-Politiker. Dieser erwiderte die Freundlichkeiten, indem er nach dem Anschlag in Hanau davor warnte, der AfD „voreilig eine Mitschuld zu geben“. An anderer Stelle warnte Palmer im Zusammenhang mit der Seenotrettung vor „Menschenrechtsfundamentalismus“. Palmer ärgert sich auch öffentlich über schwarze Fahrradfahrer. Auch und insbesondere, weil sie schwarz sind. Was man halt so tut als Politiker der Grünen. Nur zur Einordnung: Der Mann ist Hinterbänkler in dritter Reihe. Oberbürgermeister von Tübingen, einem Ort so klein, dass er nicht einmal Großstadt ist. Und dennoch schafft es Boris Palmer in die Schlagzeilen. In die Talkshows. Und in die Sänfte des Axel-Springer-Konzerns, dessen Chefredakteuren ein Grüner mit rassistischen Wesenszügen vorkommen muss wie ein ungeahntes Gottesgeschenk.

Oder Sahra Wagenknecht mit deren Konterfei die AfD und die NPD-Jugend Wahlwerbung machen. Die nicht zum ersten Mal irritiert mit ihrer Nähe zum rechten Rand. Die mit der ehemaligen AfD-Chefin Frauke Petry gemeinsame Pläne machen wollte. Als Linke.

Und nun also Jan-Josef Liefers. Bei dem sich die AfD bedankt, weil Kritik am Lockdown erlaubt sein müsse. Wer genau die Kritik am Lockdown verbieten wolle und was genau nun verboten wäre, das ist nicht so richtig klar geworden in diesem ganzen Gewusel. Wichtig ist nur, dass sich Jan-Josef Liefers fühlt wie damals in der DDR. Die ja, die Älteren erinnern sich vielleicht, bekannt war dafür, dass sie Regimekritiker genauso prominent in öffentlich-rechtliche Talkshows eingeladen hat wie die Bundesrepublik heute. Man möchte beinahe einen Besuch der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen empfehlen.

Es gäbe keinen Meinungspluralismus mehr, sagt Jan-Josef Liefers. Immer nur Drosten. Überall Drosten. Und unterschlägt dabei, dass im MDR „Kekulés Corona-Kompass“ und im ZDF „Corona – Pandemie ohne Ende Fakten mit Hendrik Streeck“ läuft. Ja, der (!) Hendrik Streeck. Hendrick „Storymaschine“ Streeck. Hendrick „Kai Diekmann, ehemaliger Chefredakteur der BILD“ Streeck.

Und was Drosten angeht, fährt die BILD, immerhin die meistverkaufte Zeitung in diesem Land, eine offene Hass-Kampagne gegen einen unbescholtenen Wissenschaftler. Und umgarnt gleichzeitig die Querdenker, Reichsbürger und Neonazis, die Drosten mit dem Tode bedrohen, auf Demonstrationen Polizisten verprügeln und der Pandemie Vorschub leisten.

Und dann sitzt Thomas Gottschalk bei Sandra Maischberger und verteidigt Jan-Josef Liefers. Maischberger, nur zur Erinnerung, ist die Moderatorin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die mit drei weißen Menschen über Rassismus diskutieren wollte, nach öffentlicher Kritik in letzter Sekunde eine schwarze Wissenschaftlerin nachträglich einlud und später darüber log. Ebenfalls zur Erinnerung: Thomas Gottschalk ist der ehemalige Fernsehmoderator des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der in einer Sendung des WDR Rassismus verteidigte, den Zentralrat Deutscher Sinti und Roma diffamierte und sich nicht von rassistischen Worten (Z-Schnitzel) und Taten („Blackfacing“) abbringen lassen wollte.

Bei Sandra Maischberger (siehe oben) verteidigt Thomas Gottschalk (siehe oben) Jan-Josef Liefers, einen Schauspieler, der im Rahmen einer misslungen Marketing-Aktion die deutsche Medienlandschaft als „Propaganda“ bezeichnet und die Bundesrepublik mit der DDR vergleicht. Der aller Ironie zum Trotz im öffentlich-rechtlichen Rundfunk (!) sein Geld damit verdient, dass er einen Medizinprofessor (!) spielt.

Noch einmal: Gottschalk und Liefers arbeiteten und arbeiten über Jahrzehnte hinweg für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, den sie ihrerseits wieder im öffentlich-rechtlichen Rundfunk verteufeln. Gottschalk bei „Maischberger“ in der ARD, Liefers in der „Aktuellen Stunde“ im WDR und im „Talk“ bei ZDF. Der Tenor: Man darf überhaupt nichts mehr sagen, Abweichende Meinungen werden nicht mehr geduldet, die Medien, insbesondere der öffentlich-rechtliche Rundfunk, sind gleichgeschaltet.

Für diese wahnsinnig mutigen Aussagen wird Jan-Josef Liefers von Repräsentanten des Axel-Springer-Verlags gefeiert. Die ihrerseits als größtes Medienhaus in Europa ebenfalls der Meinung sind, dass man hierzulande nichts mehr sagen dürfe, dass abweichende Meinungen nicht mehr geduldet würden, dass die Medien, insbesondere der öffentlich-rechtliche Rundfunk, gleichgeschaltet wären. Wegen „Cancel Culture“ und „Der Diskurs ist kaputt“.

Womit wir wieder am Anfang wären. Als früher noch alles besser war.

Wenn ich an frühere Diskurse denke, denke ich immer auch an den „Asylkompromiss“, den ich als eine meiner ersten politischen Erinnerungen mitbekommen habe. Ich denke an Skinheads und „gewöhnliche Bürger“, die Wohnhäuser anzündeten und Ausländer töteten. Und ich denke daran, wie man im Anschluss die Ausländer abgeschoben und das Asylrecht verschärft hat. Wie Angela Merkel im Anschluss nach Rostock gefahren ist, um sich die Sorgen und Nöte der Neonazis anzuhören. Kein Witz. So war das früher.
Oder die Debatten über den „faulsten Arbeitslosen Deutschlands“. Oder die Debatten über die EU-Osterweiterung.

Ich habe in etablierten Zeitungen Dinge gelesen, bei denen mir als Jugendlicher der Atem stockte. Weil der Rassismus so derart unverhohlen war. Weil man die Menschenfeindlichkeit in der Mitte der Gesellschaft mit den Händen greifen konnte. Meine Erfahrungen mit diesem Journalismus habe ich in einem langen Artikel für das Magazin des Deutscher Journalisten-Verband aufgeschrieben .

So gingen die Diskurse damals. Während der NSU mordete und die Polizei im Türkenmilieu fahndete. Oder damals 2016. Als innerhalb eines Jahres 1.000 Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte verübt wurden. Eintausend. Innerhalb eines Jahres.

Diskurs in Deutschland. Als er noch nicht kaputt war.

Und dann die Ausschreitungen in Bautzen, Clausnitz, Freital, Chemnitz. Diskurse. Auf offener Straße. Genauso wie damals, Jahrzehnte zuvor, als es undenkbar war, dass eines Tages in jedem Haushalt ein Computer stehen würde.

Und nun, wo die WELT weniger Zeitungen verkauft als die taz, die BILD mutmaßlich unter die wichtige Marke von 1 Millionen Auflagen gefallen ist (Stützkäufe, Zwinkersmiley) heißt es, der Diskurs wäre kaputt.

Der Hass und die Hetze im Internet, in den sozialen Medien, in geschlossenen Telegram-Gruppen ist eklatant. Im digitalen Raum finden Radikalisierungsprozesse statt, ist der Antisemitismus derart offen, dass man sich täglich fragt, was unsere Sicherheitsbehörden beruflich machen.

Aber dieser Hass, diese Hetze ist nicht neu. Und Schuld daran ist weder „das Internet“ noch „die sozialen Medien“. Am Computer, an der Tastatur sitzen Menschen. Menschen, die andere Menschen beleidigen und bedrohen. So wie früher auch. Als der Diskurs vermeintlich nicht kaputt war.

Damals.

Als 1979 die TV-Serie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ im deutschen Fernsehen ausgestrahlt werden sollte, gab es einen derartigen Tumult in der deutschen Gesellschaft, dass Neonazis Bombenanschläge auf Sendemasten verübten, um die Ausstrahlung zu verhindern.

Als im Jahr 1999 eine Ausstellung zum Thema „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ die deutschen Kriegsverbrechen thematisieren sollte, ließ die CDU Saarbrücken eine Anzeige schalten, in der es hieß: „Wir lassen unsere Väter von diesen Ausstellungsmachern und ihren Hilfstruppen nicht unwidersprochen als Verbrecher und Mörder diffamieren.“ Wenig später explodierte auch hier eine Bombe.

Im Jahr 1995 explodiert eine Bombe in den Studioräumen von ProSieben, weil ein Rassist es nicht erträgt, dass die Schwarze Arabella Kiesbauer eine Fernsehsendung moderiert.

Bombenanschläge. Diskurskultur. Früher.

Im Jahr 2012 gehen Journalist:innen mit Zuwanderungsgeschichte auf „Hate Poetry“-Lesereise, wo sie ihre Hassbriefe einer Zuhörerschaft vorlesen, weil sie den Rassismus gegen ihre Person ansonsten nicht ertragen.

Heute bekommen Journalisten des WDR, die über die rechtsextreme Szene berichten, weißes Pulver in die Redaktion geschickt. Das gesamte Gebäude wird evakuiert, Großalarm ausgelöst. Das alles wiederum interessiert niemanden. Kein Medienzirkus, kein Brennpunkt, keine Titelseiten, keine Diskussionen im Feuilleton, keine Talkshow-Sondersendungen. Nichts.

Nun aber sitzen Menschen, die ihr gesamtes Leben lang in privilegierten Positionen verbracht haben, auf roten Talkshow-Sesseln und berichten davon, wie schlecht es ihnen geht, weil sie nicht mehr kritik- und widerspruchslos ihren Scheiß veröffentlichen können.

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ in einer Bumsgemeinschaft mit „Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber“ und „Davon haben wir ja nichts gewusst“. Wie damals. Als unser Mops ein Möpschen war.

Ich weiß gar nicht, was mich am meisten stört. Diese Anspruchshaltung, die jeden weiteren Verlust der Deutungshoheit zu einem Angriff auf die Meinungsfreiheit stilisiert oder diese Weinerlichkeit von Menschen, deren rückgratloses Mimosentum Mitleid in mir auslöst.

Vielleicht ist der Diskurs auch gar nicht kaputt. Vielleicht ist er auch noch nicht fertig, noch nicht am Ziel angelangt, wo vollständige gesellschaftliche Teilhabe erreicht und Menschen am Rand der Gesellschaft ausnahmslos mitreden und mitenscheiden können. Vielleicht wird dieser Wunsch niemals Realität werden. Aber eines ist sicher: Alles ist anders als früher. Als ein weiter Teil der Bevölkerung gar nicht an dem Diskurs teilgenommen hat, teilnehmen konnte, teilnehmen durfte.

Das ist heute anders. Und das ist gut.